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Zero Waste als ein Weg in die Zukunft

Ein Debattenbeitrag von Nicole Fenneker

„Kein Müll“ und „Keine Verschwendung“: So kann man „Zero Waste“ ins Deutsche übersetzen. Meist gibt es unter dem Schlagwort viele praktische Tipps, wie man seinen Alltag so gestalten kann, dass man weniger Abfall produziert und Ressourcen schont. Solche Ratschläge habe ich auch an einem „Langen Freitag“ der Ausstellung „Nimmersatt? Gesellschaft ohne Wachstum“ gegeben. Doch ich finde, Zero Waste kann noch mehr: Nämlich einer der Wege sein, die wir einschlagen müssen in eine gerechtere und nachhaltige Zukunft.

Dafür müssen wir uns erst einmal anschauen, wo wir stehen und wohin wir wollen. Und dann überlegen, wie wir dahin kommen. Meine (nicht so steile) These: Wir leben in einer Zeit multipler Krisen, insbesondere einer Umweltkrise (Klimawandel, Artensterben, Übernutzung der Ressourcen der Erde). Dabei möchten wir in einer Welt leben, in der das gute Leben für alle möglich ist. Alle bedeutet: Auch für die Menschen im globalen Süden und auch für die Menschen, die künftig auf der Erde leben werden. Was hindert uns daran, uns auf diese Welt zuzubewegen?

Es ist das System, in dem wir leben, das sich in feinste Verästelungen und in allen Bereichen so gut ausgebildet hat, dass es schwierig ist, es zu verändern. Um ihm einen Namen zu geben: der Kapitalismus. Letztendlich kommt man immer wieder bei diesem Schurken an, wenn man versucht, zu ergründen, warum die Welt ungerecht ist und die Menschen im globalen Norden die Erde zerstören.

Viele Schritte sind notwendig, um eine gute Zukunft für alle Lebewesen und die Erde zu erreichen. Zero Waste kann dabei helfen, sie zu gehen.

Denn der Kapitalismus hat – mindestens – ein grundsätzliches Problem: Er muss immer wachsen. Er braucht immer neues Terrain, neue Betätigungsfelder. Entweder muss er sich ausdehnen in noch nicht durchkapitalisierte Länder (oder ins All, looking at you, Elon Musk), auf neue Produkte für neue Käufer oder auf Bereiche der Gesellschaft, die zuvor nicht nach seinen Gesetzen funktioniert haben (Gesundheit beispielsweise). Für dieses zwanghafte Wachstum braucht er auch immer mehr Ressourcen, also zum Beispiel Rohstoffe, Land, Energie oder Arbeitskraft. Und deswegen sind wir nun an einem Punkt angelangt, an dem wir drei Erden bräuchten, wenn jeder so viele Ressourcen verschwenden würde wie die Menschen in Deutschland. Wir haben also die faktischen Grenzen des Planeten bereits ÜBERSCHRITTEN.

Wir alle sind zutiefst geprägt von dieser Logik des Kapitalismus. Somit müssen wir uns in unserem Handeln, aber auch psychologisch neue Gewohnheiten antrainieren. Und hier kommt Zero Waste ins Spiel: Es bildet meiner Meinung nach ein gutes Gerüst, um eben diese Veränderung hin zu neuen Gewohnheiten zu erreichen. Andere solche Gerüste wären beispielsweise Minimalismus oder Permakultur. Zero Waste kann dabei helfen, unser Handeln und damit uns selbst zu reflektieren. Es ist zudem ein guter Einstieg in das Thema Nachhaltigkeit auch für Menschen, die zunächst weit weg davon sind. Denn Müll findet ja jeder ziemlich doof.

Wer nach den „5 R“ von Zero Waste lebt, lebt automatisch nachhaltiger. Diese 5R sind:

  1. Refuse: ablehnen – es ablehnen, Dinge zu kaufen oder zu besitzen, die man nicht benötigt
  2. Reduce: reduzieren – die Dinge reduzieren, die man braucht
  3. Reuse: wiederverwenden
  4. Recycle: das, was man benötigt und nicht wiederverwenden kann, sollte man recyceln (lassen)
  5. Rot: Kompostieren

Daraus ergeben sich dann beispielsweise folgende Verhaltensweisen:

  • Eine konsumkritische oder bewusst konsumierende Haltung, Impulskäufe werden möglichst vermieden.
  • Dinge werden repariert.
  • Dinge werden getauscht, geliehen und verschenkt.
  • Dinge werden secondhand gekauft.
  • Es wird nichts verschwendet. Dinge und Lebensmittel werden mehr wertgeschätzt.
  • Es wird versucht, in Kreisläufen zu denken: Lebensmittelabfälle werden kompostiert. Dinge, die man nicht mehr benötigt, verkauft oder verschenkt. Es werden möglichst Dinge gekauft, die am Ende ihrer Lebensdauer recycelt werden können.
  • Es werden umweltschonende Putzmittel und Kosmetika verwendet, eventuell selbst hergestellt.
  • Verpackungsmüll wird möglichst vermieden und damit auch die Verschwendung der Ressourcen für dessen Herstellung.

Und dies sind alles Verhaltensweisen, die wir in einer postkapitalistischen Welt benötigen: das Denken in Kreisläufen, Kenntnisse in Reparatur, Gärtnern oder der Herstellung von Putzmitteln, Wertschätzung für den Wert von Dingen. Man kann also schon einmal üben für die künftige, bessere Welt. Gleichzeitig hilft man so, Energie aus dem Kapitalismus abzuziehen und somit den Weg zu ebnen in diese Welt.

Diese Welt könnte dann beispielsweise organisiert sein nach den Prinzipien der Gemeinwohl- oder der Postwachstums-Ökonomie. Aber das wäre ein anderes Thema (hier gibt es eine Einführung dazu).

Und hier die versprochenen praktischen Zero-Waste-Tipps:

Lebensmittel

  • Baumwollbeutel für den Brotkauf
  • Mehrweggläser für Getränke, Joghurt etc.
  • Leitungswasser
  • Süßigkeiten am Kiosk in eine Dose füllen lassen
  • Obst und Gemüse lose kaufen
  • Tupperdose für Aufschnitt
  • Getreideprodukte, Hülsenfrüchte: in Beutel, Dosen in Unverpacktläden
Brot und Brötchen kann man sich in eine mitgebrachte Tasche füllen lassen und so Ressourcen und Abfall sparen.

Körperpflege

  • Duschgel: abfüllen lassen oder stattdessen feste Seife
  • Shampoo: festes Shampoo oder Haarseife, abfüllen lassen oder DIY (z.B. Roggenmehlshampoo)
  • feste Bodylotion oder Öl (auf die feuchte Haut auftragen)
  • Menstruation: Tasse, waschbare Binden, Schwämme, Perioden-Unterwäsche, „Free Bleeding“
  • Stofftaschentücher (nur einmal benutzen, falls man es eklig findet)
  • Rasieren: Sicherheitsrasierer (aka Rasierhobel) nutzen, dazu Öl oder feste Rasierseife
Roggenmehlshampoo

Haushalt

  • fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie (ist auch ein Buch von Smarticular): Essig, Natron, Soda, Kernseife, Citronensäure
  • Putzen mit Essig (außer weiche Kunststoffe und Naturstein), Citronensäure-Wasser-Reiniger oder Natron-Wasser
  • waschbare Stofflappen nutzen
  • für Kalk- und andere Flecken: Kupferschwamm oder -tuch
  • Waschen: Efeu, Kastanien oder Kernseife + Soda
  • super Tipps auf smarticular.net
Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie: Essig, Natron, Soda, Kernseife und Citronensäure.

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