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System Change Not Climate Change!?

Über die Rezeption der „Grenzen des Wachstums“

Ein Beitrag von Lilli Möller

Hallo liebe Leser:innen. Mein Name ist Lilli und ich studiere in Münster Humangeographie (da geht’s kurz gesagt um Gesellschaft, Raum und Machtverhältnisse). Ich arbeite am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und nachhaltige Entwicklung am Institut für Politikwissenschaft und bin außerdem seit Frühjahr letzten Jahres bei Fridays for Future Münster aktiv. Man kann  durchaus sagen, dass mich die Themen dieses Journals rund um die Uhr beschäftigen – mich immer wieder hangry machen.

Ich habe mich schon immer für Umwelt-Themen interessiert. Zugegebenermaßen habe ich aber erst in den letzten paar Jahren begriffen, was die Erderhitzung mit Kapitalismus und wirtschaftlichem Wachstum, den Pfeilern unseres Wirtschaftssystems, zu tun hat. Das ist genauso erschreckend wie nachvollziehbar. Erschreckend deshalb, weil das Wissen darüber, dass unendliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen schlicht nicht möglich ist, nicht erst seit gestern besteht. Das Buch „Limits to Growth“ („Grenzen des Wachstums“) vom Club of Rome, das diesen Zusammenhang erstmals wissenschaftlich belegt, wird in diesem März 50 Jahre alt. 50! Da ist die Frage angemessen: Wieso ist dieses Wissen nicht schon längst common sense, politischer Mainstream und Grundlage aller Entscheidungen?

© Fridays for Future Münster

Um diese Unstimmigkeit zumindest ansatzweise nachvollziehen zu können, hilft ein Blick in die Rezeptionsgeschichte des Buches „Grenzen des Wachstums“. Denn die Erkenntnisse der Wissenschaftler:innen Donella und Dennis Meadows, Jørgen Randers und William Behrens III., die damals in 1972 als wissenschaftlicher Meilenstein, als Weckruf, hätten gewertet werden müssen und zum Umdenken in Politik und Gesellschaft hätten führen können (und müssen), blieben nicht nur unbeachtet, sondern wurden, und werden immer noch, fehlinterpretiert und umgedeutet. Und zwar so umgedeutet, dass man am Status Quo nichts ändern musste, sondern einfach so weitermachen konnte wie bisher. Das große Problem: Die Grundzüge der Forschungsergebnisse stimmten (Fuchs, 2022).

Das Buch zeigt(e) auf, dass wir uns die eigenen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten entziehen, wenn wir uns als Menschheit in Zukunft so weiterentwickeln, wie wir uns zu der Zeit entwickelten. Dabei ging es zum einen um das steigende Bevölkerungswachstum und zum anderen um den steigenden Pro-Kopf-Verbrauch an natürlichen Ressourcen und der damit verbundenen Umweltzerstörung (Meadows et al., 1972; Fuchs, 2022).

Kritisiert wurde das Buch insbesondere hinsichtlich der angewendeten Methode(n) für die Berechnungen, z.B. die nicht ausreichende Berücksichtigung von Preismechanismen. Das Argument war hier: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Wenn Ressourcen knapper würden, würden sie schließlich auch teurer werden, sodass wir weniger davon verbrauchen würden. Nur lässt diese Argumentation wiederum unberücksichtigt, dass politisch stärkere Gesellschaften im globalen Norden und insbesondere Investor:innen Preise künstlich niedrig halten können, vor allem durch Ausbeutung von Natur und Menschen im globalen Süden. Außerdem ist belegt, dass Nachfrage nur zum Teil und unter bestimmten Bedingungen auf Preisveränderungen reagiert (Stichwort: Preiselastizität, die eben negativ oder positiv ausfallen kann) (Fuchs, 2022).

Wie wir wissen, haben die Gesellschaften im globalen Norden nichts dafür getan, den Pro-Kopf-Verbrauch an natürlichen Ressourcen zu verkleinern. Im Gegenteil: Unser Ressourcenverbrauch ist in den vergangenen 50 Jahren massiv gestiegen.

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Wirtschaftswachstum war und ist bis heute ein gesellschaftliches, wirtschaftliches, politisches und wissenschaftliches Paradigma: Ein Grundbestreben und allgemeingültiges Ziel aller Entscheidungen. Es in seiner Notwendigkeit zu hinterfragen ist ein Tabu. Das hat wiederum mit der ungerechten Verteilung von Macht und Geld zu tun, die an das auf Wachstum ausgelegte System gekoppelt ist und dadurch reproduziert wird. Entsprechend ist es auch nachvollziehbar, dass mir und anderen das Wachstumsparadigma in der Schule und in einzelnen Unikursen fast schon als naturgegeben, alternativlos und unkritisch vorgestellt wurde – und nicht als Antreiber der Klimakatastrophe, das es ist.

Im Zentrum unserer Arbeit stehen vor allen Dingen die Forderung und der Appell an Entscheidungsträger:innen: System Change Not Climate Change!

Wie nicht zuletzt die zahlreichen Beiträge in diesem Journal zeigen, bin ich nicht alleine damit, zu fordern, dass sich endlich und im besten Fall unverzüglich einiges daran ändern muss, wie wir mit den Menschen und der Natur auf unserer Erde umgehen. Wir müssen transparent über die Problematik aufklären. Ich bin also nicht die Einzige, die hangry ist. Gerade die aktivistische Arbeit für Klimagerechtigkeit ist für mich und viele andere Aktivist:innen wichtiges Ventil für dieses Gefühl. Wir fühlen Ohnmacht, Verzweiflung, Angst und Enttäuschung, aber auch Mut und Zuversicht angesichts der Klimakatastrophe und allen damit verknüpften (System-)krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Gleichzeitig sind diese Gefühle auch Antrieb für unser Engagement. Im Zentrum unserer Arbeit stehen vor allen Dingen die Forderung und der Appell an Entscheidungsträger:innen: System Change Not Climate Change! Wir fordern also einen Wandel des Systems. Oft wird uns vorgeworfen: „Eure Forderungen sind viel zu radikal.“ Und es wird argumentiert: „Wenn wir das jetzt so radikal umsetzen, verlieren wir die Leute, die wir doch mitnehmen wollen.“ Zwar finde ich die Argumentation zu Teilen berechtigt. Meine Antwort, und die Antwort vieler Fridays Aktivist:innen, ist aber folgende: „Ja, unsere Forderungen nach Wandel sind unter Umständen auch radikal. Aber ist der Status Quo nicht viel radikaler? Dass wir Menschen und Natur bis zum Umfallen ausbeuten, um für Wenige übertriebenen Luxus zu generieren? Und dass das unangetastet die ultima ratio zu sein scheint? Schon jetzt verlieren wir Menschen und Menschen verlieren ihre Heimat und Lebensgrundlage, weil wir nichts ändern! Ist es nicht gerade genau richtig, sich davon radikal zu distanzieren? – Und by the way: Wenn wir schon vor 50 Jahren damit angefangen hätten, anders zu handeln, dann wären Veränderungen auch weniger radikal möglich gewesen. Aber jetzt haben wir keine Zeit mehr.

Zugrundeliegende Literatur

Meadows et. al (1972): Limits to Growth. Als PDF herunterladbar: https://www.clubofrome.org/publication/the-limits-to-growth/

Fuchs, D. (2022): Podcast „Religion und Politik“ im Themenjahr, Folge 10: „Umweltakteure stark von Idealismus, nicht apokalyptischem Denken getrieben“. 24.02.2022, Exzellenzcluster „Religion & Politik“ der Universität Münster. Abrufbar unter: https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/podcastundvideo/PM_Umweltakteure_Fuchs.html

Leseempfehlung

Blog „nachhaltig gedacht“ des Zentrums für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) der Universität Münster

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